Die deutschsprachige Poetry Slam-Szene ist nach der englischsprachigen die größte weltweit. Bei dem literarischen Vortragswettbewerb haben die Künstler sieben Minuten Zeit, einen Text vorzutragen. Dieser muss selbstgeschrieben sein und darf nicht durch Requisiten unterstützt werden. Besonders beliebte Genres dabei sind Lyrik, Kurzprosa, Rap oder Comedy. Die Wertung erfolgt entweder über den Applaus des Publikums oder durch eine zuvor gekürte Jury.

Letzten Mittwoch fand im ZENTRUM Bayreuths 88. Poetry Slam statt. Der Europasaal war komplett bestuhlt und gut gefüllt. Die Stimmung war erwartungsvoll, viele bekannte Slammer wurden zuvor auf Facebook angekündigt. Pünktlich um 19:30 Uhr ging es los. Zunächst wurden die Regeln erklärt. Für die Vorrunde wurde eine Jury bestimmt und im Finale sollte durch Applaus entschieden werden. Als Einstimmung in den Abend gab der Moderator Michael Jakob, außerhalb der Wertung, einen eigenen Text zum Besten. Nach dieser modernen Auflage von Jesu Kreuzigung ging der Abend dann richtig los.

Die Slams selbst waren sehr abwechslungsreich, sowohl von der Vortragsweise als auch inhaltlich. Begonnen hat Ben Bögelein mit einem Text zum Thema Tattoos. Die Widersprüchlichkeit vom Trend des Individualismus und dem damit einhergehenden Trend der individuellen, tiefsinnigen Tattoos stellte der junge Mittelfranke gekonnt dar. „Kleine Europäer rücken immer näher, immer näher aufeinander zu.“ Mit diesem Impuls aus Rolf Zuckowskis Kinderlied führte uns die Poetin Frederike Jakob den Zerfall Europas vor Augen. Die als Kind gelebte Multikulturalität, in der alle friedlich zusammenleben und die Herkunft keine Rolle spielt, scheint sich aktuell als Utopie zu erweisen. Mit lebhafter Vortragsweise und vielen klischeebesetzten Wortspielen kritisiert Daniel Wagner die immer größere Anhängerschaft von rechts angesiedelten Parteien, besonders in Deutschland. Dabei bezog er gekonnt tagespolitische Themen mit ein. Ganz ohne politische Intentionen trug im Anschluss Volker Surmann seinen mit biologischen Fachbegriffen gespickten Text vor. Von falschen Vorurteilen über Verklemmtheit bezüglich sexueller Themen und dem unglaublichen Entscheidungsprozess im menschlichen Gehirn berichtete der Künstler von einer aufwühlenden Bekanntschaft im Zug. Nach einer kurzen Unterbrechung ging es weiter mit Gesellschaftskritik von Marvin Suckut. Er sprach sich gegen das aktuell weit verbreitete Bedürfnis, besonders einzigartig sein zu wollen aus. Mittels eines imaginären Gespräches zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen Frauen zeigte Cathrin Caillau die typischen Klischees gegenüber Lesben auf. Beendet wurde die Vorrunde durch einen amüsanten Text von Peter Parkster über eine sehr verrückte WG-Party inklusive Erinnerungslücken.

Durch die Jury wurden die Sieger der Vorrunde entschieden. Frederike Jakob, Daniel Wagner und Marvin Suckut zogen ins Finale ein. Mit je einem weiteren Text traten die Finalisten erneut gegeneinander an. Nun durfte das Publikum mittels Applaus den Sieger bestimmen, was die deutlich repräsentativere Methode darstellt. Durchgesetzt hat sich letzten Endes Marvin Suckut mit einer lebhaften Darstellung eines Umzugs in eine Altbauwohnung. Mit Witz, Wortgewandtheit und dem Spiel mit unterschiedlichen Dialekten hat er das Publikum überzeugt.

Insgesamt war ich von meinem ersten Poetry Slam sehr begeistert. Der Abend war einerseits unterhaltsam, bot jedoch gleichzeitig viele Denkanstöße. Auch die Begeisterung der Künstler für die deutsche Sprache und deren Vielseitigkeit steckte an. Das Saisonfinale im Mai werde ich mir daher nicht entgehen lassen.

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