Die akute Immigrationssituation der nahen Vergangenheit hat einen neuen Typus des Bürgers ans Tageslicht gefördert. Er nennt sich selbst „Mutbürger“, in Anlehnung an die negative Zuschreibung „Wutbürger“, als welcher er anfangs in den Feuilleton- und Politikspalten auftauchte. Er traut „den Medien“ nicht in ihrer Berichterstattung, stattdessen frequentiert er obskure Internetblogs und ist aktiv in Foren, in denen jede Straftat eines Geflüchteten höhnisch-ironisch als „Einzelfall“ in Anführungsstrichen bezeichnet wird. Man ist dort unter sich, der Konsens: Der Rest der Republik, der nicht gegen Islam und Einwanderung ist, werde erst aufwachen, wenn es zu spät sei. Es ist ein trübes Gebräu aus Verschwörungstheorien und gegenseitiger Bestärkung darin, dass die eigene Lebenswirklichkeit der einzige valide Filter für das Zeitgeschehen ist. Betrunken an diesem Saft sieht sich der (größtenteils mittelalte, weiße, männliche) Mutbürger von allen Seiten unter dem unnachgiebigen Trommelfeuer eines Zeitgeistes, der von Relativismus geprägt ist und nur eines zum Ziel hat: alle Gewissheiten zu zerstören, die für den größten Teil des bisherigen Lebens des Mutbürgers unumstößlich waren und auf deren Basis er ein komfortables Leben in der sicheren Deutungshoheit geführt hat. In anderen Worten: Die Grundpfeiler seines Weltbildes werden vom Sturm des progressiven Zeitgeistes arg ins Wanken gebracht. Das Geschlecht eines Menschen soll plötzlich veränderlich sein („Geisteskranke!“), Frauen sollen ebenfalls die Möglichkeit haben, auch mit Kindern Karriere zu machen („Kinder brauchen ihre Mutter!“) und Verschleierung soll Ausdruck eines religiösen Bekenntnisses und damit legitim sein („Vor meinem Fenster gestern schon wieder zwei Schleiereulen!“).

 

Die AfD ist die natürliche Heimat eines solchen angegriffenen Weltbilds. Es bündelt soziale Frustrationen, Skepsis über die aktuelle politische Lage, Angst vor der Zukunft und häufig auch ein großes Maß an Furcht vor Fremden, einfach deshalb, weil sie fremd sind, in eine in den Parlamenten leidlich vorzeigbare politische Kraft. Gut so, sagt der Demokrat, auf diese Weise können die legitimen Anliegen von Millionen Bürgern in den politischen Prozess eingebracht werden. Der demokratische Grundgedanke der Repräsentation unabhängig von Gesinnung oder Bildung ist damit erfüllt.

 

Der Autor dieser Zeilen stimmt diesen Gedanken ohne Einschränkungen zu. Nichtsdestotrotz frustriert ihn, wie einfach viele der Ressentiments und seltsam anmutenden politischen Ansichten durch Bildung zu verhindern wären. Es wäre wünschenswert, gäbe es regelmäßig aktualisierte Informationsmaterialien für Staatsbürger, die jeder Bürger regelmäßig beziehen würde. In einfacher Sprache gehaltene Einführungen in statistische Methoden, Grundkonzepte der Politik und der politischen Philosophie sowie eine praktische Einführung in die Quellenanalyse in Zeiten des Internets wären ein wichtiger erster Schritt in Richtung eines Staatsbürgers, der seine Meinung bewusst und nach einem sinnvollen Standard bildet und Wahlentscheidungen nicht nur aus der Intuition und seinen persönlichen, häufig lückenhaft informierten Beobachtungen des täglichen Lebens trifft. Wer einen rudimentären Einblick in die Grundlagen der Statistik gewonnen hat, wird weniger schnell von einem straffällig gewordenen Geflüchteten auf die Beschaffenheit der Gesamtheit der Geflüchteten schließen. Wer Studien und komplexe Diagramme versteht, lässt sich weniger wahrscheinlich von einfachen Interpretationen verführen. Im Folgenden können Aufbaumaterialien und Leselisten für spezialisierte Themenfelder bereitgestellt werden, um Zugangshürden zur mündigen Staatsbürgerschaft für weitergehend Interessierte unabhängig von ihrer Vorbildung abzubauen.
Ein Staat braucht mündige, motivierte Staatsbürger. Die Mutbürger sind häufig nur motiviert und halten sich für mündig, wenn sie es nicht sind. Für ihre eigene Entwicklung, für die politische Kultur und für die Allgemeinbildung wäre ein Informationsprogramm für mündige Bürger und solche, die es werden wollen, eine sinnvolle Sache.

 

 

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