Welchen Wert hat ein Menschenleben? Was sind wir bereit für den uns beherrschenden ständigen Selbstoptimierungs- und Selbsterhaltungszwang zu geben? Wo bleibt die Menschlichkeit in einer Welt, in der Menschenleben für einem höheren Zweck instrumentalisiert werden? Wie lässt es sich an einem solchen Ort leben? All diese Fragen stellt Ishiguro in „Alles, was wir geben mussten“ anhand der gemeinsamen Internatszeit von Kathy, Ruth und Tommy dar. Es gelingt ihm, einen tiefen Blick in die menschlichen Abgründe zu werfen und das Bild einer Welt zu zeichnen, die gar nicht so weit von der unseren entfernt ist.

England am Ende des 20. Jahrhunderts. Mitten im Nirgendwo befindet sich das Internat Hailsham, das von der restlichen Welt seltsam abgeschottet ist. Was die Protagonistin Kathy schildert, deutet zunächst eine gewöhnliche Kindheit und Schulzeit in einem Eliteinternat an, welche sie mit ihren zwei besten Freunden Ruth und Tommy verlebt. Immer wieder spärlich eingestreute Informationen seitens ihrer „Aufseher“ – so werden ihre Lehrer genannt – lassen ihre Zeit dort jedoch zunehmend in einem düstereren Licht erscheinen. Was insbesondere Kathy und Tommy zu einem großen Ganzen zusammenzufügen suchen, formt sich schon bald zu einem grausamen Bild ihrer Zukunft, welches die Welt, die sie für die ihre hielten, ins Wanken bringt.

Nach und nach decken sie ein um die andere erschreckende Wahrheit auf: Sie wurden als Kopie eines menschlichen „Vorbilds“ im Reagenzglas erschaffen und ihre Existenz dient einzig und allein dem Zweck, als Organspender für Menschen der Außenwelt mit lebensbedrohlichen Krankheiten zu fungieren. Der andere Teil der Hailshamer Internatsschüler wird die Rolle von Pflegern übernehmen, die die Klone bei ihren wiederholten Organspenden persönlich begleiten sollen, bis hin zur dritten oder vierten Organentnahme, die in den meisten Fällen zum Tod führt. Über ihre Schulzeit hinweg soll mittels angefertigter Kunstwerke bewiesen werden, dass sie, die Klone, eine Seele besitzen.

Anstatt also hoffnungsfroh dem Ende ihrer Schulzeit und den sich zahlreich eröffnenden Möglichkeiten entgegenfiebern zu können, müssen sich Kathy, Ruth und Tommy wie so viele andere dem für sie von außen vorbestimmte Schicksal fügen. Nie werden sie ein selbstbestimmtes Leben führen, ihre eigenen Entscheidungen treffen, einen Beruf ergreifen, geschweige denn Kinder bekommen können. Auch deshalb entwickeln sie vermutlich einen Zusammenhalt, der stark an den einer Familie erinnert. Was mitunter verwundert und aufwühlt ist die Ergebenheit, mit der die Schüler ihr Schicksal hinnehmen, ohne es zu hinterfragen oder sich dagegen zu wehren versuchen.

Ishiguro entwirft eine klassische Dreiecksgeschichte und fragt sich gemeinsam mit den Lesern, wie es sich in dem Bewusstsein dieses drohenden Schicksals leben und lieben lässt. Er erzählt von sehr menschlichen Charakteren, die Opfer einer grausamen Welt und Rädchen in einem Getriebe werden, welches ihrer aller Leben bis zum Tod bestimmen wird. Ein Leben, das man kaum als solches bezeichnen kann, da Menschen zum Mittel zum Zweck degradiert werden. Auch wenn die von Ishiguro gezeichnete Welt einige Lücken aufweist, gelingt es ihm in großartiger Manier, die Leser emotional betroffen zu machen und sie auf dringliche Fragen zu stoßen.

 

Kazuo Ishiguro. Alles, was wir geben mussten. München: btb Verlag; 2006; 9,99 €.            

 

 

573 Besucher insgesamt 1 Aufrufe heute