Der Doku-Spielfilm „Härte“ über Karateweltmeister und Zuhälter Andreas Marquardt wird derzeit im Nürnberger Filmhaus gespielt. Er zeigt das Leben des Karate-Champions und seinen Wandel vom Kriminellen zum Helfer für Gewaltopfer.

Der Tip berichtete am 26. Juni 2014 über das Buch „Härte“, das von Rosa von Praunheim in Berlin verfilmt wurde. Derzeit läuft der Streifen in deutschen Nischenkinos. Häufig sind Marquardt, Ko-Autor Jürgen Lemke und Regisseur Rosa von Praunheim für Zuschauerfragen vor Ort.

Der Film beginnt in der Gegenwart: Ex-Karateweltmeister Andreas Marquardt geht in sein Berliner Karatestudio „Gym80“. Dort trainiert er Erwachsene und Jugendliche. Gezeigt werden Kampfszenen, in denen Tritte gegen Beinwaden, Handschläge gegen Bauch und Arm und Stockschläge dem Abhärten der Karateschüler dienen. Marquardt erzählt, wie er in früher Jugend mit Karate anfing und zum Weltmeister werden wollte – was ihm gelang. Dann der Perspektivenwechsel: In schwarz-weißen naturalistischen Bildern wird der Filmzuschauer in die Zeit von Marquardts Kindheit zurückversetzt, als seine Mutter begann ihn sexuell zu missbrauchen. Der Film erzählt von seiner Kindheit, seiner Jugend und seinem Aufstieg zum Karatemeister. Er schildert den Frust des Protagonisten und den Beginn seines „Hassprogramms Frauen“. Dabei hält er sich eng an die Buchvorgabe.

Der Kinoraum in Nürnberg ist voll. Als die Zuschauer kommen, fragen sie, ob der Regisseur Rosa von Praunheim tatsächlich da sei. Der wurde zwar angekündigt, musste aber wegen Krankheit absagen. Andreas Marquardt und Jürgen Lemke dagegen sind angereist. Seit dem offiziellen Kinostart sind sie deutschlandweit auf Tour.

Nach der Vorführung ihres Films beantworten sie die Fragen der Zuschauer. Es stehen Überlegungen zu „Verzeihen“ und „Verständnis“ im Raum: Marquardt bleibt dabei, er könne und wolle seiner Mutter und seinem Vater nicht verzeihen, auch wenn Therapeuten das manchmal anders empfehlen. Ein Besucher erklärt, er habe selbst diverse Gewalterfahrungen machen müssen und empfinde den persönlichen Akt des „Verzeihens“ als letzte Stufe seiner Heilung. Als er dem ehemaligen Karateprofi Marquardt wünscht, ebenfalls diese letzte Hürde zu schaffen, wendet der Psychologe Lemke ein, dass er im Heilungsprozess Verzeihen von seinen Patienten nicht zwangsläufig verlange. Eine Entscheidung wie die von Marquardt könne er bei seinen Patienten respektieren. Die Verarbeitung von Gewalterfahrung wolle er nicht von Verzeihensentscheidungen abhängig machen.

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„Verzeihen nicht unbedingt notwendig.“

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Das gleichnamige Buch zum Film wurde schon etliche Male in öffentlichen Büchereien und Schulen, aber auch und gerade in Justizvollzugsanstalten in Lesungen mit anschließender Diskussion vorgestellt. Daraus ergab sich eine interessante Beobachtung: In der öffentlichen Wahrnehmung werden mit dem Thema Missbrauch fast ausschließlich männliche Täter assoziiert. Eine Mutter, die mit ihrem Sohn einen fragwürdigen Umgang pflegt – Lemke beschreibt ihn als „sexualisierte Fürsorge“ – wird von der Gesellschaft nicht mit Vorwürfen konfrontiert. Auch die Großeltern waren nicht auf die Idee gekommen, es könnte sich beim Umgang von Marquardts Mutter mit ihrem Sohn um Missbrauch handeln. Die Folge ist häufig, dass dem Opfer nicht geglaubt wird. Es bleibt mit seinen Erfahrungen allein und ist der Situation hilflos ausgeliefert. Viele Strafgefangene blicken auf ähnliche Gewalt- und Missbrauchserlebnisse zurück und praktizieren ein ähnliches „Hassprogramm“ wie jenes von Marquardt, das in „Härte“ beschrieben wird.

Der Film läuft bis zum 5. Mai in Nürnberg (Infos unter www.kunstkulturquartier.de/filmhaus). Kampfsportliebhaber dürften ebenso auf ihre Kosten kommen wie jene, die sich mit dem Thema Gewalt und Missbrauch auseinandersetzen wollen. Ein Tabu wird angesprochen.

Geplant ist außerdem, eine Online-Diskussionsplattform einzurichten, auf der Leser und Kinobesucher ihre Fragen, Gedanken und Erfahrungen einbringen und dadurch in direkten Kontakt zu Andreas Marquardt und Jürgen Lemke treten können. Themen der Plattform könnten beispielsweise die Bedeutung von Sport, körperlicher Fitness, Kampfsport, Karateformen, Gewalt in Kindheit und im Erwachsenenalter, Traumata und die Hilfe für Missbrauchsopfer sein.

Nähere Infos zum Film und weiteren Aufführungen, sowie einen Trailer findet man unter www.missingfilms.de.

Buch- und Film- und Themainteressierte klicken bitte diesen Link an, auf dieser Homepage können Leser- und Filmfragen und -kommentare an A. Marquardt und J. Lemke direkt gestellt und von diesen beantwortet werden, ähnlich wie bei den Lesungen und nach den Filmvorführungen:

http://xtremenico.jimdo.com/

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