Die Burenfamilie Leroux lebt in Südafrika Ende der 1940er Jahre, zur Zeit der Apartheid. Ein überzeugter Vertreter und Mitglied dieser nationalistischen Regierung ist auch der Familienvater. Als sich die Eltern entschließen, eine Kriegswaise aus Deutschland zu adoptieren, verändert sich ihr bis dahin von Traditionen und festgefahrenen Ansichten bestimmtes Leben mehr, als sie ahnen konnten und fordert sie dazu auf, sich aktiv mit ihren Vorstellungen und Ansichten auseinanderzusetzen.

(and) Als sich die Familie Leroux gemeinsam mit anderen Familien versammelt, um die deutschen Kriegswaisen zu empfangen und ihnen ein blondes, blauäugiges und verschüchtertes Mädchen zugeteilt wird, das von nun an mit ihnen leben wird, ist die Freude groß. Vater, Mutter und Geschwister nehmen es herzlich in ihre Gemeinschaft auf. Doch diese euphorische Stimmung hält nicht lange an. Als ein halbes Jahr später die offiziellen Dokumente eintreffen, die Sara Lehmann als jüdisches Kind ausweisen, das nach vier Jahren im KZ Bergen-Belsen in ein Waisenhaus kam, erfährt das Schicksal des Mädchens eine drastische Veränderung.

Der Vater, der vor Eintreffen dieser Nachricht noch einen liebevollen Umgang mit Sara pflegte, es den anderen Kindern sogar vorzog, entzieht ihr mit einem Mal seine Zuneigung. Er bleibt in seinen Überzeugungen als Mitglied des Apartheidsregimes verhaftet. Allein die Mutter und der älteste Sohn Jo, die ebenfalls zu Mitwissern werden, gleichzeitig aber zu Stillschweigen verpflichtet sind, verändern ihr Verhalten nicht. Da die Geschwister die Ablehnung des Vaters gegenüber Sara spüren, drangsalieren und schikanieren sie sie fortan. Für das Mädchen beginnt eine schwere Zeit, welche sie mit der Hölle vergleicht: „,Ich meine genau, was ich sage. […] Ich war acht Jahre alt und lebte schon lange in der Hölle. Ich wusste, ich muss irgendetwas ganz Schlimmes getan haben – Pa weigerte sich, mit mir nur ein Wort zu wechseln, die Jungen gingen mir aus dem Weg, die Zwillinge schimpften mich aus, schubsten und schlugen mich, sie ließen sich immer etwas einfallen. Ich muss diese Strafe verdient haben, habe ich gedacht, weißt du. […]‘“ (S. 92) Jo, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird, beschreibt die Schwere der Situation folgendermaßen: „Das war das Schlimmste von allem. Sara war verwirrt, konnte nicht verstehen, was sie getan hatte, um die Strafe zu verdienen. […]“ (S. 92)

Ruth Weiss führt dem Leser hautnah und ergreifend vor Augen, wie sehr sich Rassismus und Intoleranz auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirken und ein ganzes Leben prägen können. Sie beschreibt das gleichzeitige Ringen der Protagonistin um die Anerkennung des Vaters und ihr späteres Engagement für die Rechte der Schwarzen in der Zeit der Apartheid. Eine authentische, ergreifende Geschichte, die nahegeht und zum Nachdenken anregt.

Ruth Weiss. Meine Schwester Sara; München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG; 1. Auflage 2002; 9€.

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